Archiv Kategorien: wohnsinn

Gespenster

Ich sehe Gespenster! Und zwar die kleinen Keramik-Geister von Louise Gaarmann, in die ich mich verliebt habe. Mitgeholfen beim Verlieben haben die wunderschön entrückten Fotos von Kristina Demant. Eine Frage: Kennt ihr dieses Back to home. Back to reality – Gefühl? Zurück aus dem Urlaub findet man den Kleiderschrank, der sich nur Mitbewohner nennen darf, weil es keinen Nachfolger für ihn gibt, noch schlimmer. Die Wasserflecken auf dem Küchentisch, über die man nur mal drüberschleifen müsste, nerven noch mehr. Und die Garderobe, die eigentlich jeden Winter eskaliert, weitet sich plötzlich zum Katastrophengebiet aus. Meine Antwort auf das Gefühls-Desaster ist eine Fluchtbewegung in Richtung Computer. Das Schlamassel raus aus dem Sichtfenster, die Welt der musisch Begabten rein ins Sichtfenster. Louise Gaarmann hat sich in meinem Fall als besondere Glücksbringerin erwiesen. Ihretwegen habe ich mich nicht mehr von allen guten Geistern verlassen gefühlt. Ist das Kunst – oder ist das Kunst?!

…und hier ein bisschen Entstehung aus der Geisterwerkstatt. Louise schubst das traditionelle Kunsthandwerk von der Gebrauchs- rüber in die Fantasiewelt. Stellt Euch doch nur vor, die guten Geister überall in der Wohnung zu zerstreuen! Ich hab‘ da so die Ahnung, dass das die Lösung aller Einrichtungs-Probleme wäre… Oder wie seht ihr das?

photos: www.arhoj.com

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Jemand Zuhause!

Land oder nicht Land? Wo baut man sein Nest? Vor meinem Fenster in Berlin hat eine Kohlmeisen-Familie ihre Entscheidung getroffen. Ihre Anwesenheit habe ich lange als singuläres Naturschauspiel vor unserer Haustür genossen.  Doch ein holländisches Forscherteam hat mir die Unschuld der Kohlmeisen-Szenerie gestohlen. Denn Kohlmeisen, so die Forscher, die in urbanen Ballungsgebieten nisten, haben ein Problem. Das Paarungsverhalten von Großstadt-Meisen ist, gelinde gesagt, gestört. Das Großstadt-Männchen singt zu hoch, zu schnell, zu hysterisch. In seiner ursprünglichen Zwitscher-Tonlage dringt es im Stadtlärm nicht durch zum Weibchen. Ihm bleibt nichts anderes übrig als schrill zu werden. Das findet das Weibchen unattraktiv, denn nur eine tiefen(entspannte) Tonlage lässt auf die stabile Konstitution des Sängers schliessen. Das unbeeindruckte Stadtweibchen flüchtet sich in die Untreue. Das Forscher-Team geht davon aus, dass sich eine neue Art, eine Stadt-Art entwickeln wird. Warum ich soweit aushole? Naja, vor meinem Fenster fliegt auf einmal kein Rest-Biotop mehr – es flattern bloß die Nerven. Und will ich in dieser modernen Fabel zur Stadt-Art gehören? Land oder nicht Land? das ist die Frage!

Und während ich noch überlege (die Vorstufe zur Stadt-Neurotik ist die Entscheidungs-Neurotik), sind Kai und Kristina schon Zuhause angekommen. Vor ungefähr 6 Jahren sind sie von Hamburg mit ihren beiden Kindern ins Umland gezogen. Die Gemütlichkeit ihres renovierten Bauernhauses haben sie mit alten Eichendielen und den abgezogenen Balken erhalten. Aus Dänemark-Urlauben importiert Kristina the hottest danish-deco-dynamite. Bunte Kerzen am bäuerlichen Balken stehen für dänisches Kerzen-Handwerk, am nächsten Balken führt Linnéa, die schwedische Kinderbuch-Figur der frühen 80er durchs Jahr. Dazu findet man hier und da Erinnerungsstücke aus Kristinas Graziela-Kindheit. Und über dem Schlagzeug, das rein größenmäßig Nicks Zimmer sprengen würde, unterstützt ihn rein musikalisch eine good-old-german Gartenzwerg-Kapelle!

Dass Märklin vor ein paar Jahren kurz vor dem Aus stand, kann nicht an Nick gelegen haben! Der ist von Klein auf Fan der Traditionsbahn H0. Die Miniatur-Landschaft ist mittlerweile raumeinnehmend und zur gern besichtigten Dauerausstellung geworden.

Wohnst Du noch oder schläft du schön? In der oberen Etage strahlen Farbknaller in allen Zimmern vor Weiß.

Hier zieht Mia ihre Familie schon mal über den Ladentisch: die Registrierkasse vom Flohmarkt ist ihr Lieblingsplatz. Der alte Papierabroller mit den original Papierrollen stammt von ihrer Urgroßmutter, die vor Jahrzenhnten ein Drogieriefachgeschäft führte.

My Home is my kitchen! All die Fund- und Sammelstücke die sich im Laufe der Zeit ansammeln, werden zum Mobilé. Kristina mag die Papierdesignerin Rie Elise Larsen sehr. Mit einem Laminiergerät hat sie bunte Papierbögen der Dänin zu Platz-Sets gemacht. Die Eule über dem Küchentisch gibt es hier.

Kleiner Nachtrag: Als Kristina uns besuchte, blieb beim gemeinsamen Frühstück ihr Blick an der 4-spurigen Straße vor unserer Haustür heften. Sie sagte, sie genieße den Ausblick…

 

©Fotos: Knut Koops für APRIL/mag

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Mitte-Schön!

Es gibt sie noch, die unsanierten Lebensräume in Berlin Mitte, das ansonsten die Jeans-Imperien unter sich aufgeteilt haben. Der Künstler Michael Seidel lebt mit seiner Familie im eigenen Reich der Mitte. Hinter einer der letzten bröckelnden Fassaden in diesem Kiez hat er es geschafft mit Liebe zum Detail, seine persönliche Wärmedämmung zu errichten. Der Baustoff dafür ist eine Einrichtung, die Geschichten erzählt. In diesem Künstler-Haushalt treffen sich Gestern, Heute und Morgen und geben das gute Gefühl von Kontinuität.

 

Man kann es als Arbeit betrachten, einen Ofen zu befeuern. Michael aber genießt analoge Abläufe wie diese: Holz anzünden, Luft knistert, Wohnung wird warm. Mit dem Ofen und den in alten Erntekörben gelagerten Holzscheiten ist die Küche wie bei den meisten Familien Lebensmittelpunkt. Holzoberflächen, viele Kunststücke an den Wänden, leise Farben und alte Sammlerstücke entschleunigen das Alltagsleben, sobald die Haustür hinter einem ins Schloss fällt.

 

Dieses Kinderzimmer räumt dem gesamten Reichtum der Kinderwelt Platz ein. Unbehelligt leben Steine und Wolfsrudel nebeneinander. Michael hat eine Wand des Kinderzimmers der Ausstellung eines Naturkunde Museums nachempfunden. Vielleicht war es aber auch anders herum… Wer weiß das schon? Diese Ausstellung beinhaltet alte Schulkarten, Papp-Dinosaurier, eingerahmte Schmetterlings-Postkarten und eine aus Holz geschnitzte „ausgestopfte“ Wildtrophäe samt Geweih. Das Holzstück lag tagelang auf dem Schulhof seines Sohnes. Die Kinder nahmen es zum kicken, bevor sie ihr Interesse daran verloren und Michael es seiner Bestimmung zuführen konnte.

Alles steht miteinander in Verbindung: Hier mit der schönen Körbchen-Seilbahn von Kraul.

Deutsches Kunsthandwerk als Spielzeug und Galerie zugleich: die Handpuppen von Lotte Sievers-Hahn.

 

Im Wohnzimmer findet ein Dialog der Farben statt. Alles spricht mit allem, ist miteinander im Austausch. Michaels Bilder mit den Bildern seiner Kinder. Die große Origami-Lampe mit der natürlichen Lichtquelle – dem Fenster und dem Faltenwurf der Vorhänge. Und während die alten Kelims zu Boden Welten versprechen, sitzen sich Sofa und Gästebett plaudernd gegenüber.

 

Für seine kleine Tochter hat Michael mit Präzision und handwerklichem Geschick die Feen-Klötze hergestellt. Auf goldenen Säulen lassen sich fragile Gebäude errichten. Die Stirnseite der Äste sind farblich so voneinander abgesetzt, dass sich ein Farbenpuzzle ergibt. Ihren Platz haben die Äste und Klötze in eigens dafür gezimmerten durablen Kästen. Jedes Einzelteil ein Objekt zum Anfassen…

 

Alles was Michael nicht über lange Zeiträume gesammelt hat, hat er für seine Kinder selbst gebaut. Das Bett seines ältesten Sohnes als Boot, den Tisch, der sich an die Wand hochklappen lässt und zur Tafel wird. Die Schlange aus einem zersägten Ast auf ein Lederband gefädelt. Der Wal erzählt über die Köpfe der Kinder hinweg von Käptn Ahab. Fundstücke aus der Natur inspirieren Michael durch ihre Formgebung zu dem, was er aus ihnen machen wird. Es liegt also in der Natur der Sache, dass keine Stecken-Gestalt der Anderen gleicht.

 

©Fotos: Knut Koops für APRIL/mag

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